Weihnachten ist vorbei, viele Familien sind nach den Feiertagen nach Hause zurückgekehrt. Viele Flugreisende erinnern sich jedoch noch gut an die verstörenden Vorkommnisse an den Londoner Flughäfen Gatwick und Heathrow. Aufgrund von wiederholter Drohnensichtungen auf dem Gelände wurde der Betrieb für mehr als 24 Stunden eingestellt. Die Passagiere saßen fest und der entstandene Schaden war groß. Inzwischen haben die beiden britischen Flughäfen aufgerüstet und sind im Besitz eines Systems zur Erkennung von Drohnen und ihrer Abwehr.

Wir sprachen mit zwei unserer Drohnenexperten, um Licht auf die Geschehnisse in England zu werfen. Peter Braun ist Vertriebsleiter für das im Hause entwickelte Drohnenerkennungssystem DIDIT. Douwe Lambers ist Produktmanager des Systems.

Herr Braun, wie geht es nun weiter?
Werden andere europäische Flughäfen nachziehen und sich auch so ein System besorgen?

Peter Braun: Ich wäre verwundert, wenn es nicht so käme. Wir sind seit längerem in Kontakt. Bisher haben die Flughäfen aber gezögert, obwohl die potentielle Gefährdung des Flugbetriebs durch Drohnen bekannt war. Die Vorfälle in Gatwick und neuerdings in Heathrow – wenn auch mit deutlich geringeren Folgen – dürften allen Flughafenbetreibern vor Augen geführt haben, welch immense finanzielle Verluste eine einzige Kleindrohne verursachen kann. Allein in Gatwick handelte es sich um 1000 ausgefallene Flüge und 140.000 festsitzende Passagiere. Von den Langzeitauswirkungen durch Verunsicherung und Vertrauensverlust seitens der Passagiere gar nicht zu sprechen. Ein effektives Drohnenerkennungs- und -abwehrsystem kostet einen Bruchteil und ist so etwas wie eine Versicherung.

Peter Braun, Account Manager DIDIT

Gatwick schien gezielt angegriffen worden zu sein, um den Flugbetrieb lahmzulegen.
Wer hat denn überhaupt ein Interesse daran?

Peter Braun: Das ist nicht eindeutig zu sagen. Vorstellbar sind Börsenspekulanten, Anwohner, die den Fluglärm nicht mehr ertragen oder gegen den ständig wachsenden Flugverkehr demonstrieren wollen oder auch Menschen, die Genugtuung darin finden, für Unruhe zu sorgen. Da gibt es viele Beispiele aus unterschiedlichen Bereichen. Im besten Fall handelte es sich um rücksichtsloses Verhalten, aber es ist auch möglich, dass wir es mit krimineller Energie zu tun haben. Unachtsamkeit lag in Gatwick sicher nicht vor.

Was hat es so schwergemacht, den Drohnenangreifer in Gatwick zu fassen?

Douwe Lambers: Um diese Frage vollständig beantworten zu können, fehlen uns zuverlässige Informationen. Sicher scheint, dass zu Beginn überhaupt keine Technik zur Drohnenerkennung und -abwehr am Flughafen zur Verfügung stand. Nachdem für diese gesorgt war, konnte offensichtlich der Pilot der Drohne trotzdem nicht lokalisiert werden. Denkbare Gründe könnten ein dafür nicht ausgelegtes System sein oder der Pilot war möglicherweise außerhalb der Reichweite des Systems.

Eine Drohne zum Absturz zu bringen ist auch kein einfaches Unterfangen. Sie sind klein, schnell und wendig, und Geschosse, die nach oben gehen, kommen auch irgendwo wieder herunter und können Umstehenden Schaden zufügen oder Sachschäden verursachen. Es gibt spezielle Anti-Drohnen-Geschütze, die Netze oder Drähte abfeuern, um die Drohne abzufangen, aber sie gehören nicht zur Standardausrüstung der Polizei und ihre Reichweite ist sehr begrenzt. Das sogenannte Jamming von Funkfrequenzen zur Störung von GPS-Signalen und der Kommunikation zwischen Fernbedienung und Drohne ist eine weitere Möglichkeit. Die Auswirkungen von Funkstörungen auf andere Systeme müssen jedoch sorgfältig abgewogen werden. Besonders in einer Flughafenumgebung mit vielen Kommunikations-, Navigations- und Überwachungssystemen kann eine Funkstörung mehr Probleme verursachen als die Drohne selbst.

Douwe Lambers, Produktmanager DIDIT

Wie häufig sind solche Vorfälle an Flughäfen? War dies der Erste? Oder nur der Erste, der so viel Interesse bei den Medien weckte?

Peter Braun: Gatwick dürfte der erste Fall mit derartig gravierenden Auswirkungen gewesen sein. Drohnensichtungen in nächster Nähe, aus den Cockpits von Flugzeugen heraus, gab es schon häufiger, mit einer in den letzten Jahren steigenden Tendenz. Im Jahr 2016 meldeten Piloten von Verkehrsflugzeugen im deutschen Luftraum allein 64 Sichtungen. Im Jahr 2018 hat sich diese Zahl bereits fast verdoppelt. In Kanada kollidierte 2017 eine Drohne gar mit dem Flügel eines Flugzeugs, was glücklicherweise nur wenige Kratzspuren auf der Flügeloberfläche verursachte. Würde eine Drohne aber frontal auf einen Flügel prallen oder in ein Triebwerk geraten, hätte das sicherlich gravierendere Folgen. In einem Labor der Universität Dayton ließ man eine Kleindrohne auf die Tragfläche eines Flugzeugs aufprallen – mit verheerenden Folgen. Alleine aufgrund der weiterhin steigenden Zahl an verkauften Drohnen ist damit zu rechnen, dass das Risiko solcher Kollisionen mindestens im selben Maße zunehmen wird.

 

Ein einziger Vorfall hat gezeigt, wie schnell und einfach kritische Infrastrukturen angegriffen werden können. Müssen sich andere Branchen nun auch Sorgen machen?

Douwe Lambers: Flughäfen sind definitiv nicht die einzigen potenziellen Ziele, die von Drohnenmissbrauch bedroht sind. Im letzten Jahr gab es auch Drohnensichtungen in der Nähe von Atomkraftwerken und Chemiefabriken. Während das allein noch nicht bedrohlich ist, können Drohnen solche Orte aber durchaus ausspähen oder gar angreifen. Herkömmliche Sicherheitsmaßnahmen sind nicht mehr effektiv genug, um sich gegen die Bedrohung von Drohnen im Außenbereich zu schützen. Besonders bei kritischen Infrastrukturen muss man nun auch die eigenen Sicherheitsmaßnahmen auf den Prüfstand stellen und sich mit der Bedrohung, die Drohnen darstellen, auseinandersetzen.

Was ist bei der Anschaffung eines Drohnenerkennungssystems zu beachten?

Douwe Lambers: Inzwischen gibt es bereits einige Lieferanten von Drohnenabwehrsystemen, wobei nicht alle davon marktreif sind. Bei der Auswahl der verfügbaren Systeme muss man anschließend beachten, dass nicht jede Lösung, die bereits auf dem Markt ist, für jede Umgebung gleichermaßen passt. Die Anpassung der Lösung an den spezifischen Anwendungsfall und die Betriebsumgebung ist entscheidend für den Erfolg. Der Personenschutz erfordert einen anderen Ansatz als die Sicherung eines Gefängnisses vor unerlaubtem Handel mit Schmuggelware. Dementsprechend müssen Sie einen geeigneten Sensor-Mix für die Erkennung auswählen, über die entsprechenden Alarmierungsmöglichkeiten verfügen und sich Gedanken über die Gegenmaßnahmen machen. Auch rechtliche Aspekte spielen hier eine wichtige Rolle; so erfordert der Betrieb eines Radars in vielen Ländern eine Lizenz. Bei den Gegenmaßnahmen ebenso: Nur, weil eine Drohne in Ihren Interessensbereich eindringt, bedeutet das noch lange nicht, dass Sie sie auch zerstören dürfen. Während also verschiedene Lösungen zur Verfügung stehen, erfordert die Auswahl der geeigneten Lösung für ein bestimmtes Szenario eine sorgfältige Prüfung.

Drohnen sind bereits Teil unseres täglichen Lebens. Wohin aber geht der Weg in der Zukunft?

Peter Braun: Die Gefährdung durch Drohnen dürfte seit längerem allen potentiell bedrohten Einrichtungen und Personen bekannt sein. Das amerikanische Militär wurde in Syrien bereits mittels Drohnen attackiert und konnte diese erfolgreich unschädlich machen. Wie akut die Gefährdung auch im zivilen Bereich ist, wurde meiner Meinung nach bislang weitestgehend unterschätzt. Ich gehe aber davon aus, dass die Vorfälle in Gatwick und kurz darauf auch in Heathrow mit ihren immensen, wenn auch zum Glück nur finanziellen, Schäden ein deutlich gesteigertes Bewusstsein geschaffen haben.

Ein weiterer Grund, weshalb bisher wenig Eile bezüglich des Drohnenschutzes bestand, war das Fehlen von ausreichenden Drohnenverordnungen. Es ist für mich schwer nachvollziehbar, weshalb in jedem Haus Brandschutzvorkehrungen getroffen werden müssen, es aber gleichzeitig Flughäfen, chemische Anlagen, Kraftwerken und anderen kritischen Infrastrukturen überlassen bleibt, ob sie sich gegen die Gefährdung durch Drohnen schützen oder nicht. Für das erste Halbjahr 2019 ist eine Drohnenverordnung der EU angekündigt. Es bleibt zu hoffen, dass dann ausreichend geklärt wird, was mit welchen Drohnen wo erlaubt ist und was an welchen Orten nicht. Wünschenswert wäre auch eine klare Regelung, wer welche Gegenmaßnahmen einleiten darf, damit ein aktiver Schutz umgesetzt werden kann – natürlich immer mit verhältnismäßigen Mitteln und ohne Menschen oder technische Infrastruktur in der Umgebung zu beeinträchtigen.

Vielen Dank an Peter Braun und Douwe Lambers für das Interview.

Drohnenerkennung
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