Einblicke in die letzten Tage vor Paolo Nespoli’s Start zur Internationalen Raumstation:

Die Internationale Raumstation umkreist unseren Planeten bereits fast 20 Jahre. Wenn Astronauten und Kosmonauten ihr Raumfahrtabenteuer beginnen, indem sie die Erde auf einer Soyuz-Rakete verlassen, dann ist dies das Ergebnis jahrelanger Zusammenarbeit internationaler Teams aus verschiedenen Raumfahrtagenturen wie ESA, NASA, Roscosmos, JAXA und CSA, aber auch aus der kommerziellen Raumfahrtindustrie – und Unternehmen wie Telespazio VEGA Deutschland.

Am 28. Juli begann Paolo Nespoli’s dritte Reise ins All: an Bord einer Soyuz-Rakete verließ er die Erde vom Raumfahrtbahnhof Baikonur in Kasachstan. Er wird etwa vier Monate an Bord der Internationalen Raumstation als Mitglied der Expedition 52/53 verbringen. Die Vorbereitungen für den Start begannen schon Monate im Voraus und beinhalteten viel Logistik, Experimente, die er in der Umlaufbahn durchführen soll, PR-Termine vor und während seiner Mission und natürlich der Besuch seiner Familie und engsten Freunde in Baikonur, die ihn bis kurz vor dem Start begleiten konnten.

Unsere Kollegin Serena Bertone arbeitet bereits seit über fünf Jahren als Columbus-Instructor am Europäischen Astronautenzentrum (EAC) in Köln, um Astronauten und Kosmotauten auf ihre Mission zur ISS vorzubereiten. Sie unterstützt auch den Echtzeit-Regelbetrieb als Eurocom (European Communicator) im Columbus-Flugkontrollteam. Diesen Sommer jedoch hatte Serena das Privileg eine Einladung von Italiens erfahrenstem Astronauten, Paolo Nespoli, zu erhalten und seine Startvorbereitungen als so genannter „Family Support“ zu begleiten.

Hier schildert sie ihre Eindrücke:

„Das EAC Crew Office und andere EAC-Teams sind dafür zuständig, Familienangehörige und engste Freunde der Europäischen Astronauten von Moskau bis Baikonur zu begleiten. Meistens übernimmt dabei eine Person aus dem Crew Office die Begleitung der Familie des Astronauten und eine zweite Person, die der Astronaut selbst aussucht und meistens derselben Nationalität angehört, kümmert sich während der Reise um seine engsten Freunde. Während seines letzten Aufenthalts am EAC in Köln, wo ich Paolo für ein neues robotisches Experiment ausbildete, fragte er mich direkt, ob ich Interesse hätte, diese Aufgabe zu übernehmen. Es war ja wohl klar, dass ich sofort ja sagte!

Die Vorbereitungen für die Reise in letzter Minute zwar etwas hastig, da wir weniger als zwei Monate Zeit hatten – normalerweise haben wir vier Monate, aber einige Verzögerungen hatten es diesmal nicht anders erlaubt. Dann traf ich endlich Paolos engste Freunde in Moskau. Der erste seiner Gäste traf bereits am Sonntagmorgen ein und wir hatten die Gelegenheit uns die russische Hauptstadt mit unserem Firmenmaskottchen, dem Telespatz, anzuschauen. Er fand das Bolshoi-Theater im Zentrum besonders interessant!

Am Montag ging es gleich weiter ins Sternenstädtchen, um uns die Ausbildungseinrichtungen im Gagarin Kosmonautentrainingszentrum (GCTC) anzuschauen, in welchem alle Astronauten und Kosmonauten für ihre ISS-Missionen trainieren. Familien und Freunde haben in der Regel nicht die Möglichkeit bei diesen Trainings dabei zu sein; daher war dies die Gelegenheit endlich zu sehen, wo Paolo mehr als ein Jahr seiner Ausbildung verbringt bevor er startet.

Am GCTC besuchten wir auch die Soyuz-Trainingseinrichtungen, die Nachbauten der russischen ISS-Module, die Gagarin-Galerie, den Nachbau der MIR-Station und eine Soyuz-2-Kapsel, die bereits geflogen war. Besonders beeindruckend war die weltweit größte Langarm-Zentrifuge, welche sich gleichzeitig um vier verschiedene Achsen bewegen kann, um den Wiedereintritt der Soyuz-Kapsel in die Erdatmosphäre zu simulieren. Definitiv nichts, was man am eigenen Leib erfahren möchte, nachdem man gegessen hat!

Soyuz-Trainingseinrichtung & Soyuz 2-Kapsel

Serena in der Gagarin-Galerie & Foto der Zentrifuge

Paolo’s Familie und zwei weitere seiner engsten Freunde stießen am Montagabend zu uns. Wir trafen uns allerdings erst am Dienstagfrüh zum Frühstück, lernten uns kennen und bereiteten uns für unsere Weiterreise nach Baikonur vor. Erst später am Nachmittag flogen wir nach Baikonur. Gleich nach der Landung hatten wir unsere erste Gelegenheit Paolo zu treffen und uns mit ihm zu unterhalten, ihm Grüße aller derjenigen auszurichten, die es leider nicht nach Kasachstan geschafft hatten und seinen bisherigen Erfahrungen während seiner letzten Tage in Baikonur zu lauschen – allerdings all dies getrennt durch eine Glaswand, da er in Quarantäne war.

Am nächsten Morgen, also Mittwoch, standen wir vor Sonnenaufgang auf und fuhren zum ersten Mal zum Baikonur-Raumfahrtbahnhof, um die Ankunft der Soyuz-Rakete mitzuerleben. Während die Rakete auf dem herannahenden Zug immer näher kam, wurde uns zum ersten Mal bewusst, dass dies alles wirklich geschah: Wir würden eine echte Rakete starten sehen und waren aufgeregt wie kleine Kinder. In weniger als zwei Stunden war die Soyuz angekommen und aufgerichtet, und zwar auf demselben Startplatz, von dem auch Gagarin 1961 schon gestartet war. Währenddessen wurde es auch allmählich wärmer, die Tagestemperatur erreichte über 30 Grad und die Sonne schien über uns inmitten eines perfekten blauen Himmels.

Soyuz-Rakete erreicht den Raumfahrtbahnhof per Zug

Aufgerichtete Soyuz-Rakete

Während der kommenden Tage trotzte ich gemeinsam mit Paolos Freunden der schweißtreibenden Hitze, indem wir Baikonur zu Fuß erkundeten und viele über die Stadt verteilte Monumente entdeckten, wie zum Beispiel das Gagarin-Denkmal.

Und dann endlich: Die Pressekonferenz im Kosmonautenhotel war gefüllt mit Journalisten, Familienangehörigen, Freunden und Touristen. Wir hatten die Möglichkeit noch einmal der Crew zu lauschen und zu erfahren, was sie von ihrer Mission erwarten und zu sehen, wie aufgeregt sie waren, sich diesem Abenteuer zu stellen.

Hauptcrew v.l.n.r.: Paolo Nespoli, Sergey Ryazansky and Randy Bresnik und Backup-Crew Norishige Kanai, Alexander Misurkin und Mark Vande Hei

Nach der Pressekonferenz gab es die traditionelle Shashlik-Party mit Freunden, Familienangehörigen, Paolo und seiner Crew. Obwohl wir ihn aufgrund der Quarantäne nicht berühren durften, war diese Zusammenkunft vermutlich ein Moment, den Paolos Freunde am meisten zu schätzen wussten.

Der Tag des Starts, der Freitag, begann sehr früh am Morgen mit einem Meeting mit NASA- und Roscosmos-Vertretern, um die letzten Vorbereitungen abzuschließen, und auch um mit Paolos Freunden den Ablauf der Ereignisse an diesem Tag zu besprechen.

Dann, kurz vor 16 Uhr, verließ die Crew das Kosmotautenhotel im traditionellen Zviosy-Bus, angefeuert von einer jubelnden Menge aus Familienmitgliedern, Freunden, Fans und Journalisten. Nächster Halt war das Gebäude 254 im Baikonur-Raumfahrtbahnhof, wo die Crew ihre Raumanzüge anlegte und sie routinemäßig auf Dichtheit prüfte. Wir sahen Paolo und die Crew ein letztes Mal in ihren Raumanzügen, als sie das Gebäude 254 verließen, der Staatlichen Kommission salutierten und in den Bus stiegen, der sie zum Startplatz bringen sollte.

Während die Crew ihre letzten Checks an Bord der Soyuz vornahm, aßen Paolos Freunde und ich im Seven Winds Hotel im Raumfahrtbahnhof zu Abend. Anschließend besuchten wir noch das Kosmodrom-Museum, wo wir die Möglichkeit hatten Selfies im Cockpit der Buran zu schießen und uns die riesige Kollektion der sowjetischen und russischen Raumfahrtgeschichte anzuschauen, angefangen vom Start der Sputnik- und Laika-Kapsel bis hin zu aktuellen Experimenten an Bord der ISS.

Die Soyuz mit Paolo und der Expedition 52 startete um 21:41 Uhr Ortszeit in Baikonur, kurz nach Sonnenuntergang, vor einem perfekten blau- und rosafarbenen Himmel. Wir schauten den Start gemeinsam mit den Familien und Freunden der Ersatz-Crew, welche Mitte September als Expedition 53 starten wird. Obwohl wir knapp zwei Kilometer vom Startplatz entfernt waren, konnten wir den Boden unter unseren Füßen beben fühlen – dafür hatten die besten Blick auf den Start.

Die Soyuz-Triebwerke zündeten und erhellten den Startplatz, die vier mechanischen Arme öffneten sich und schließlich verließ die Rakete langsam den Boden und schoss in den Himmel. Etwa zwei Minuten nach dem Start sahen wir die Abtrennung der Verkleidung, welche wir verfolgten, wie sie langsam wie eine leuchtende Konstellation auf die Erde fiel. Nur sechs Minuten nach dem Start sahen wir die Zündung der zweiten Stufe und wie der Abgasstrahl der Triebwerke breiter wurde. Nach acht Minuten verloren wir die Rakete hinter dem Horizont aus den Augen, die bis dahin bereits den östlichen Teil Russlands erreicht hatte. Nach weniger als neun Minuten war die Soyuz bereits in ihrer vorgesehenen Umlaufbahn und die Crew in der Schwerelosigkeit.

Als die Soyuz um 3:55 Uhr morgens Ortszeit in Baikonur an der ISS andockte, waren wir alle wach und bereit, Paolos Ankunft zu erleben und loszujubeln. Dies spielte sich in der Agat Hall ab, einem alten sowjetischen Militärtheater im Zentrum von Baikonur. Zwei Stunden viele Ansprachen später war es bereits etwa sechs Uhr morgens, die Soyuz-Luke öffnete sich und die neue Crew wurde von Fyodor Yurchikin, Peggy Whitson und Jack Fischer auf der ISS begrüßt. Es ist Tradition, dass die neue Crew ihren ersten Anruf zur Erde vom russischen Service-Modul tätigt, um mit ihren Partnern, Kindern, Eltern und Freunden zu sprechen. Paolos Freunde konnten es nicht erwarten, mit Paolo, der im Weltraum war, von der Erde aus zu sprechen und ihm ihre Freude mitzuteilen, Zeuge dieses Starts, vor allem eines solch wunderschönen Starts, gewesen zu sein.

Nur fünf Stunden später verließ unser Flugzeug Baikonur in Richtung Moskau. An Bord waren wir, ein Haufen erschöpfter und zufriedener raumfahrtbegeisterter Menschen. Paolos Freunde hatten sich vorher weder untereinander gekannt noch mich. Doch nachdem wir eine solch intensive Woche miteinander verbracht und solch außergewöhnliche Erfahrungen gemeinsam erlebt hatten, fühlten wir uns am Ende wie eine große Familie.“

Mehr Eindrücke zu Astronauten, Astronautentrainings und Starts gibt es hier:

EAC Website

Video: Der Start der Soyuz MS-05

Vita: Start, Docking und Öffnung der Luke

Paolo Nespoli auf Twitter

VITA-Mission auf Flickr

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